Vom Aufstieg der Täter oder: Ein Leben im Gleichschritt

Shownotes

Inhaltswarnung*: NS-Unrecht, Gewalt, Diskriminierung, Täterperspektiven. Für sensible Hörerinnen ggf. belastend. Empfohlen ab 14 Jahren.

In dieser Episode sprechen wir mit dem Regionalforscher Karl Ernst über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Pößneck und dem Saale-Orla-Kreis vor 1933. Wir beleuchten, wie die Bevölkerung den Übergang zur NS-Diktatur erlebte, welche Bedeutung die Stadt Pößneck darin hatte und welche Formen von Unrecht in Stadt und Region sichtbar wurden. Zugleich thematisieren wir, warum regionale Erinnerungskultur noch heute von so großer Bedeutung ist. Im Gespräch werden dabei auch Kontroversen aufgeworfen.

Allgemein gilt: Die Interviews geben dabei die Ansichten unserer Experten/ Expertinnen wider und können von denen der Förderstelle, des aktuellen Forschungsstandes und denen des Podcasts abweichen. Gegenargu-mente sind möglich. Die Inhalte bieten keinen Ersatz für eine umfassendes Fachliteratur und bieten Erklärungsansätze aus der Regionalforschung. Lasst uns daher diskutieren: Stimmt das mit eurem Wissen überein? Welche Argumente fandest du überzeugend, welche nicht – und warum? Was hat Dir gefehlt? Sende uns ein Feedback!

Wir berufen uns in der Episode dabei auf das Sonderheft 2023 der Pößnecker Heimatblätter mit dem Titel "Leben im Gleichschritt - Pößneck in den Jahres des Nationalsozialismus", dessen Verfasser Karl Ernst ist.

Die Episode ist der 2. Teil unserer Sonderreihe, die das Thema NS-Unrecht in der Region Saale-Orla-Kreis thematisiert und kontextualisiert. Ziel der Reihe ist es, historisch-politische Bildung zu fördern und daran zu erinnern, dass nationalsozialistisches Unrecht nicht abstrakt war, sondern überall geschah – auch in unserer Region. Sie wurde gefördert durch das Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur.

Informationen zum Projekt "Erinnerungsbrücken", auf das sich die Gesprächspartner beziehen, gibt es unter https://www.erinnerungsbruecken.de/

Die Interviews spiegeln die persönlichen Einschätzungen unserer Regionalhistoriker:innen wider. Sie erklären historische Entwicklungen (z. B. den Aufstieg der NSDAP in der Region) aus ihrer fachlichen Perspektive und können von der Position der Förderstelle für politische Bildung, dem aktuellen Forschungsstand und der Linie dieses Podcasts abweichen.

Transkript anzeigen

00:00:08: Ostwärts.

00:00:10: Ein Spaziergang durch den Saale Orla-Kreis.

00:00:13: Ein Podcast der Volkshochschule Saale Orla-Kreis gefördert vom Thüringer Ministerium

00:00:19: für Bildung,

00:00:20: Wissenschaft und Kultur.

00:00:27: Und damit herzlich willkommen zu einer weiteren Folge Ostwärts.

00:00:31: Ein Spaziergang durch den Saale Orla-Kreis.

00:00:34: Diesmal eine Sonderepisode, die in Anlehnung in das Projekt Erinnerungsbrücken.

00:00:40: Es geschah überall, entstanden ist.

00:00:43: Der Ausgangspunkt des Projektes war die Tatsache, dass nationalsozialistisches Unrecht überall geschah, auf dem Land, in kleinen und natürlich auch in größeren Städten.

00:00:54: Direkt vor unseren Haustüren also und damit also auch an Orten in unserer Region.

00:01:01: Orte, die oft unscheinbar sind, aber Spuren einer Geschichte tragen, die nicht vergessen werden darf.

00:01:08: Gemeinsam mit Regionalforscherinnen und Regionalforschern wollen wir nun in einzelnen Sonderepisonen Brückenschlagen zwischen damals und heute.

00:01:18: Wir erzählen von Menschen, Schicksalen und Ereignissen zwischen und fragen, was sie uns heute noch zu sagen haben.

00:01:27: Denn Geschichte geschieht nicht irgendwo, sie geschieht überall.

00:01:32: Heute darf ich einmal mehr im Pösnäcker-Franzenshof den Herrn Ernst begrüßen, Regionalforscher, der auch schon einen Preis für seine Arbeit bekommen hat.

00:01:41: Darauf werden wir gleich noch eingehen.

00:01:42: Ich sage erst mal herzlich willkommen, Herr Ernst.

00:01:44: Hallo.

00:01:45: Ja, bedanke mich für die Einladung.

00:01:47: Sie sind, das habe ich gerade einführend schon gesagt, ausgezeichnet worden im Jahr two-tausend neunzehn mit dem Mitteldeutschen Historikerpreis.

00:01:55: Kannst du dir dazu kurz was sagen?

00:01:58: Ja, es war... eine Geschichte, die ja ohne mein eigentliches Zutun abgelaufen ist, aber man muss uns sicher trotzdem bewerben.

00:02:10: Und ich hatte mich beworben mit den Schriften, die ich bis dahin veröffentlicht hatte.

00:02:17: Das war insbesondere Pösnek im neunzehnten Jahrhundert.

00:02:22: Und ja, all das, was ich sonst in den Pösneker Heimatblättern veröffentlicht hatte.

00:02:31: Ja, es hat gereicht, um einen Preis dort zu bekommen.

00:02:34: Ich habe mich darüber gefreut.

00:02:36: Das glaube ich sehr.

00:02:38: Wenn wir sagen Regionalforscher, ich weiß ja, dass sie beruflich unter anderem am Gymnasium in Pösnek zu tun hatten, dass sie der Leiter des Gymnasiums gewesen sind.

00:02:48: Wie kam es dazu, dass sie sich für die regionale Geschichte interessieren?

00:02:55: Ja, der Begriff Regionalforscher gefällt mir eigentlich gar nicht so richtig für mich.

00:03:00: Ich habe Interesse an Lokalgeschichte, an Geschichte generell.

00:03:06: Und nachdem ich in den Ruhestand gegangen war, dann brauchte ich ganz einfach ein sinnvolles Betätigungsfeld.

00:03:16: Und das kam mein Interessen entgegen.

00:03:20: Und ich habe einfach damit angefangen, mich in die Regionalgeschichte ein bisschen einzuarbeiten, nicht unbedingt unter einem bestimmten Aspekt, sondern einfach mal zu sehen, was in der Vergangenheit hier in Pürsnek passiert ist.

00:03:35: Und ja, dabei bin ich geblieben, inzwischen seit ja fast zwanzig Jahren.

00:03:41: Wie muss ich mir das vorstellen?

00:03:42: Ist es so gewesen, dass Sie dann ... ins Stadtarchiv zum Beispiel gegangen sind oder ins Stadtmuseum, um sich da zu belesen.

00:03:50: Wo haben Sie Ihre ersten Informationen herbezogen?

00:03:53: Na ja, die Anregung kam eigentlich daher, dass in Pösnäck erst seit nineteenhundert und fünfundneunzig die Pösnäck-Heimatblätter entstehen und veröffentlicht werden und ich an diesen Beiträgen durchaus gefallen und Interesse gefunden hatte.

00:04:11: und Ja, aus der Familiengeschichte, zum Beispiel das Gesindepuch der Urgroßmutter, war zum Beispiel eine Anregung mal über diese Geschichte zu schreiben, die Geschichte des Püssecker Gymnasiums, Baugeschichte und ähnliches.

00:04:28: Und so fing das an.

00:04:30: Und ja, dann bekam ich die Anregung.

00:04:33: Ich möchte doch mal im Archiv auch die ältere Püssecker Geschichte mir anschauen.

00:04:39: Und ja, hab Jetzt muss ich sagen, dummerweise, angefangen eigentlich mit dem allerschwierigsten, nämlich mit der ältesten Pössnäcker-Schrift, die es gibt, nämlich dem ältesten Pössnäcker-Stadtbuch von thirteenhundertundvierundzwanzig in der alten gotischen Mönchschrift geschrieben und ja zum Teil oder zum großen Teil im Mittelhochdeutsch.

00:05:06: sodass das wirklich eine Herausforderung war, die mich damals ganz schön angestrengt hat.

00:05:13: Man

00:05:13: musste sich ja quasi eine neue Schriftsprache aneigen.

00:05:15: Man

00:05:15: musste sich eine neue Schriftsprache aneigen.

00:05:19: Man musste auch das Mittelhochdeutsche erst mal verstehen können.

00:05:23: Und vor allen Dingen, man musste sich in die Ausdrucksweise der betreffenden Zeit einarbeiten.

00:05:30: Und das ist gar nicht so ganz einfach.

00:05:34: Ja, gesamte Sprache ist eben eine andere als heute.

00:05:38: Und bestimmte Dinge erschließen sich nicht unbedingt, wenn man einfach den Text lesen kann.

00:05:45: Der Inhalt dahinter ist ja eigentlich das Entscheidende und das Wichtige.

00:05:50: Und das ist das, was auch dem Leser zum Beispiel sehr viel Schwierigkeiten bereitet.

00:05:57: Ich war am Anfang immer sehr stolz, wenn ich bestimmte Dinge wirklich zitiert habe.

00:06:03: bis mir jemand mal gesagt hat, das übergege ich einfach beim Lesen.

00:06:07: Das ist mir viel zu kompliziert.

00:06:09: Okay, also jetzt kommt ja schon die Beruf eines Übersetzers eigentlich gleich.

00:06:13: Ja, eines Jahr-Transformators, der eben bestimmte Gedanken, Ausdrucksweisen usw.

00:06:20: aus der jeweiligen Zeit in die heutige Sprache auch transformieren muss, damit das dem Leser verständlich wird.

00:06:29: Das ist das, was ein Übersetzer im Grunde ja auch macht.

00:06:31: Also wenn ich Texte aus dem Englischen übersetze, gerade wenn man von Lürig spricht oder höheren Poesie, ist es ja im Grunde schon so, dass man den Text eigentlich neu schreibt.

00:06:41: Ja, und das ist also wirklich das Schwierige und ich stelle das also auch grundsätzlich fest.

00:06:47: Ich mache ihr seit den Kursen in der Volkshochschule, zum Erlernen der alten deutschen Schrift, der alten deutschen Querenzschrift.

00:06:58: Und wenn wir dann einen Text ja transkribiert haben, dann ist es für viele immer noch sehr schwierig, den Inhalt zu erfassen.

00:07:07: Und das zu üben, das macht dann aber richtig Spaß.

00:07:11: Hochinteressante, würde ich jetzt schon wieder gleich weiterfragen, aber wir wollen uns eigentlich mit den Themen, die beschäftigen, die auf den Sala-Ola-Kreis bezogen sind, und zwar im historischen Kontext.

00:07:22: Welche Themen haben Sie denn in den letzten Jahren schon bearbeitet?

00:07:27: Ja, eigentlich alles.

00:07:28: Also von den ältesten Aufzeichnungen über Pösnek, dem alten ältesten Pösnecker Stadtbuch, was insbesondere ja alte Stadtordnungen enthält.

00:07:42: Und mein erstes Sonderheft beispielsweise, das war auch über die ältesten Pösnecker Stadtordnungen.

00:07:50: über vier Jahrhunderte, und das ist äußerst interessant, die Entwicklung eben von Recht und Ordnung mal zu verfolgen.

00:07:59: über Jahrhunderte.

00:08:00: Ja, ich habe mich befasst mit dem alten Gerichtswesen, das alte Bösecker-Halsgericht beispielsweise.

00:08:09: Ich habe geschrieben über Medizinwesen und Ja, vor allen Dingen dann ab dem XIX Jahrhundert mit Industriegeschichte und ähnlichen, überfasst auch einige Pysnecker-Betriebe in diesem Zusammenhang vorgestellt.

00:08:32: Das Druckgewerbe, was ja für Pysnek besonders typisch ist, oder dann auch die Entwicklung der Textilindustrie in Pysnek.

00:08:43: die Einführung der Dampfmaschinen und die Industrialisierung generell.

00:08:49: Ja, und habe dann jetzt in den letzten Jahren mich darauf konzentriert, bestimmte Etappen zu beschreiben, also beispielsweise Erster Weltkrieg.

00:09:03: Und ja, dann danach habe ich zwar erst dann den dreißigjährigen Krieg, da ja eigentlich davor war, aber ... Es hat sich ganz einfach von den Gedenktagen her so gefügt.

00:09:19: Also das reißige Krieg war ja auch so ein ganz tiefer Einschnitt hier in der Regionalgeschichte und habe dann die letzten drei Sonderhefte dem Zeitabschnitt ab dem Ersten Weltkrieg bis nach Wünfundvierzig gewidmet.

00:09:37: Und da sind also drei Sonderhefte geworden.

00:09:42: Die zwanziger Jahre, die dreißiger Jahre, und dann das Jahr nineteen vierzig.

00:09:47: Und.

00:09:48: Das ist ja die ehrliche Thematik heute.

00:09:50: Genau.

00:09:50: Sie haben es jetzt gerade angesprochen.

00:09:52: Sonderhefte.

00:09:53: Und Sie haben auch das Thema schon angesprochen.

00:09:55: Die Dreißiger und Vierziger Jahre.

00:09:57: Die Zeit fünfundvierzig.

00:09:58: Das ist genau das, worüber wir uns heute unterhalten wollen.

00:10:01: Und es gibt eben eine dieser Sonderausgaben mit dem Namen oder mit dem Titel Leben im Gleichschritt, die sich intensiv mit der NS-Zeit in Pösnick beschäftigt.

00:10:11: Was war denn da Ihr persönlicher Antrieb dieses Kapitel der Regionalgeschichte zu?

00:10:17: Aus sich damit zu beschäftigen?

00:10:20: Der Antrieb generell ist eigentlich immer, dass mich das Handeln der Menschen in einer bestimmten Zeit interessiert.

00:10:30: Und zwar, warum haben sie sich so verhalten, wie sie sich verhalten haben?

00:10:37: Es gab ja immer äußere Bedingungen, die in den Lebenslauf eines jeden Menschen eingreifen.

00:10:45: Und das Handeln unter bestimmten Bedingungen.

00:10:48: Das war eigentlich so das Spannende.

00:10:51: Und insbesondere war ein Antrieb, dass über diese Zeit eigentlich noch nie etwas veröffentlicht worden ist.

00:11:02: Und ich halte das schon für sehr, sehr wichtig, also auch die zwanziger Jahre, die dreißigere Jahre, warum sich eine bestimmte Zeit zuentwickelt hat.

00:11:14: Ja, warum haben wir Menschen beispielsweise den Nationalsozialisten so zugelugelt?

00:11:21: Und wenn man das aus der heutigen Geschichtsbetrachtung manchmal sich ansieht, dann wird das eigentlich überhaupt nicht verständlich.

00:11:30: Denn in der Geschichtsbetrachtung heute steht im Allgemeinen die Kehrseite immer der Entwicklung auf der Tagesordnung, nämlich die Militarisierung, die Kriegsführung, die Eroberung, die Unterdrückung, Judenverfolgung, KZ und alles Mögliche.

00:11:53: Aber es erklärt ja nicht, warum die Leute gejubelt haben.

00:11:56: Richtig.

00:11:57: Ja.

00:11:58: Und genau das war eigentlich der Ansatzpunkt.

00:12:00: Ich wollte einmal die Bedingung auch aufdecken hier in Pürsnek.

00:12:06: Warum die Pürsnekern?

00:12:10: Ende der zwanzig Jahre plötzlich von einer ja mehr rot eingestellten Ideologie umgeschwenkt sind auf dieses Braune.

00:12:22: Was war es denn, wenn Sie da die Anspielung schon bringen und mich natürlich brennend, was genau da passiert

00:12:30: ist?

00:12:30: Ja, das erstaunlich ist ja eigentlich, dass sich die Einstellung zum Beispiel der Bösnecker Arbeiterchaft in den zwanziger Jahren fast nicht verändert hat.

00:12:43: Ja.

00:12:43: Aber das Bösnecker Bürgertum hat sich verändert.

00:12:48: Inwiefern?

00:12:50: Insbesondere also die kleinen Handwerke, die Geschäftsleute, die Beamten, die Intellektuellen, die hatten ja sowieso immer dieses Opposition zu, ja im Bösnecker mehrfach dem Roten.

00:13:06: Bösnäcker Stadtrat und generell der Politik der Weimarer Republik.

00:13:12: Es gab also da insbesondere noch eine ganze Reihe von Anhängern des Kaiserreichs.

00:13:19: Es gab sehr rechtskonservative Einstellungen, nationalvölkische Einstellungen und dergleichen.

00:13:29: die in Opposition zu der Weimarer Blick standen, die aber nicht unbedingt nationalsozialistisch waren.

00:13:39: Das ist ja das Erstaunliche, dass eigentlich erst der Umschwung zum Nationalsozialismus in diesen Bevölkerungsschichten Ende der zwanzigere Jahre passiert.

00:13:52: Man kann das am Wahlverhalten der Pösnecker über diese zehn, zwölf Jahre durchaus sehr gut nachverfolgen.

00:14:02: Die Linien überkreuzen sich irgendwann in den Zwanzigerjahren, wo plötzlich das bürgerliche Lager nationalsozialistisch wählt, während zum Beispiel die Arbeiterschaft annähernd von den Stimmen her über die gesamte Zeit bis dreiunddreißig fast gleich geblieben ist.

00:14:23: Kann man sagen, dass In der, ich sage jetzt mal in Anführungsstrichen, konservativen Welt, dann das geringere Übel gewählt wurde.

00:14:32: Könnte man das so vergleichen?

00:14:34: Die Geschäftsleute waren im Allgemeinen nicht begeistert von den Dingen, die in der Weimarer Republik von Stadt gegangen sind.

00:14:42: Politisch nicht, wirtschaftlich nicht.

00:14:45: Und wir müssen uns da vorstellen, dass also die Zeit der Inflation, die Zeit nach war dann so eine kleine Erholungszeit.

00:14:58: Dann kam aber ja, neunundzwanzig bereits die Weltwirtschaftskrise.

00:15:02: Den größeren Handwerkern, den Geschäftsleuten.

00:15:06: Den Unternehmen ging es eigentlich schlecht.

00:15:09: Und sie suchten einfach den Ausweg aus dieser Misere in einer anderen politischen Konstellation.

00:15:19: Das war erst mal wirklich nur bürgerliches konservatives Lager hier in Bösek, was dominierte.

00:15:28: Und plötzlich kamen die Nationalsozialisten und versprachen alles Mögliche.

00:15:33: Und viele schwenken dann urplötzlich um.

00:15:37: Eigentlich erst den letzten Moment.

00:15:40: Ja, ja.

00:15:41: Es ist also nicht so, dass die Nationalsozialisten bereits Ende der Zwanzigerjahr oder Anfang der Dreißigerjahre schon hier dominierten.

00:15:50: Sie waren sehr stark präsent durch eine kleine Gruppe.

00:15:53: Aber die Bevölkerung lehnte sie erst mal grundsätzlich ab, als auch in den Unternehmen und so.

00:16:02: Fabrikbesitzer, die waren nicht unbedingt in dieser Richtung hingestellt, die waren bürgerlich konservativ.

00:16:12: Ja, aber irgendwann, als der Umschwung kam, dann waren sie plötzlich auf der anderen Seite.

00:16:18: Mit einem Fingerschnitt quasi, wenn Sie sagen, unmittelbar vor der Wahl kam das Umschwenken, gibt es irgendwie Zeugnisse oder Berichte, dass es irgendwann eine Ernüchterung gab.

00:16:31: Die NSDRP kommt dreiunddreißig an die Macht.

00:16:34: In Pösnek wird das Regime installiert, sag ich jetzt mal.

00:16:38: Das ging ja relativ schnell.

00:16:39: Ich verweise da auf die Folge, die bereits ausgestrahlt wurde.

00:16:42: mit Herrn Klimke, dem Regionalforscher aus Schleitz, wo wir genau darüber gesprochen haben, die ersten paar Tage im Neunzehn dreiunddreißig, gab es, um auf meine Frage zurückzukommen, ein Ernüchterungsmoment, wo Menschen gemerkt haben, Scheiße, das ist jetzt aber auch nicht das, was wir wollten.

00:17:00: Gibt es da irgendwie Berichte drüber?

00:17:03: Die Ernüchterung kam nicht Anfang der Dreißiger Jahre, sondern die kam viel, viel später.

00:17:12: In den Dreißiger Jahren, also drei in dreißig beispielsweise, jubelten ja die Leute den Nationalsozialisten zu.

00:17:20: Ja.

00:17:21: Und die verstanden es ja sehr

00:17:24: gut,

00:17:25: die Menschen auf ihre Seite zu ziehen.

00:17:30: Sie nannten sich ja nicht umsonst Sozialisten.

00:17:33: Ja, ja.

00:17:34: Und diese sozialistische, das wurde insbesondere in den, nach ersten Hälfte der neunzelne dreizeigere Jahre, auch über die Medien ständig bedient.

00:17:45: Ja.

00:17:46: Sozialismus der Tat.

00:17:48: Und dann wurden Gesetze erlassen, die das offensichtlich in den Augen der Bevölkerung unterstützen.

00:17:59: Es kam ja diese Bewegung, die Unternehmer wurden praktisch gezwungen, etwas für die Arbeiter zu tun.

00:18:14: Sie wurden sogar öffentlich auf dem Markt verpflichtet, im Sinne ihrer Beschäftigten soziale Einrichtung zu schaffen und Ähnliches.

00:18:25: Was waren das denn zum Beispiel für soziale Einrichtungen gerade hier?

00:18:29: Das ging los eigentlich bei Betriebskantinen, Sozialfürsorge-Einrichtungen in den Betrieben, bis hin zu einem Betriebsessen, zu sozialer Betreuung, zu kultureller Betreuung und Ähnlichem.

00:18:49: Führend in Pösnäck war ja zum Beispiel der Pösnäcker Vogelverlag.

00:18:53: Genau.

00:18:54: Und das war Ja, ein Vorzeigebetrieb führt die Nationalsozialisten in erster Linie.

00:19:05: Und er nahm, obwohl die Familie Vogel gar nicht so nationalsozialistisch eingestellt war, ja hier eine dominierende Stellung ein.

00:19:14: Mit Betriebseinrichtung, mit Urlaubseinrichtung.

00:19:20: Der Vogelverlag hatte ja das Schloss Hummels-Heilen beispielsweise gekauft und als Erholungs- heim praktisch für und als Urlaubs heim für die Betriebsangehörigen ausgebaut.

00:19:35: Es gab eine sehr intensive individuelle Betreuung in Burgeverlag, aber auch in anderen Betrieben, was zum Beispiel die Beschäftigten betraf.

00:19:47: also Glückwünsche und Geschenke zu, Geburten von Kindern und Betriebsjubiläen und dergleichen.

00:19:56: Das wurde alles über diese nationalsozialistischen Organisation gefördert.

00:20:03: Ja.

00:20:04: Dazu kam natürlich auch der sehr geschickte Zug mit der Ferien- bzw.

00:20:09: Urlaubsreglung.

00:20:12: Während das Jahr in den neunzehntzwanziger Jahren Ja, ein bis drei Tage bezahlten Urlaub im Jahr gab es plötzlich vierzehn Tage oder sechzehn Tage oder sogar drei Wochen bezahlten Urlaub mit der Einrichtung von KDF zum Beispiel.

00:20:32: Kraftdurchfreude, genau.

00:20:35: Da konnten sich jetzt auch die ärmeren Schichten eine Urlaubsreise gönnen.

00:20:41: Und es gibt viele Tagebuchaufzeichnungen, zum Beispiel von Arbeitern, auch die geschwärmt haben von dem, was sie erlebt haben.

00:20:51: Das wurde billig angeboten, das war bezahlbar.

00:20:55: Plötzlich erschien vielen Arbeitern die Zeit, für die sie in den zwanzig Jahren auf die Straße gegangen waren.

00:21:06: Das wurde plötzlich alles wahr.

00:21:09: Das war ein Hauptgrund dafür, dass sie gejubelt haben.

00:21:14: Die haben mich darüber nachgedacht, welche Ziele eventuell dahinter schleckten.

00:21:20: Natürlich ist es erst mal.

00:21:21: wahrscheinlich so klingt, dass für mich eine fast schon euphorische Zeit des Aufatmens nach einer so harten

00:21:27: Zeit.

00:21:29: Die Plakate kennen wir ja zum Beispiel aus dem Unterricht auch.

00:21:34: Keiner soll Hunger und keiner soll frieren.

00:21:37: Das waren ja so die Wahlversprechungen.

00:21:40: Und es fiel den Nationalsozialisten überhaupt nicht leicht, diese dann in der Tat umzusetzen.

00:21:49: Also bis zum Sommer tat sich da überhaupt nichts.

00:21:52: Und dann erst im Herbst, also als der Winter wieder vor der Tür stand, da kam eben das Winterhilfswerk.

00:22:00: Da wurde also wirklich Arbeit vor Ort geleistet, die Das kümmern um die einzelne Familie.

00:22:10: Das nicht zurücklassen von besonders armen in der Bevölkerung.

00:22:17: Bis hin zu der Tatsache, dass dann, na so, dreiunddreißig zu Weihnachten ja angewiesen wurde, jeder bekommt einen Weihnachtsbaum.

00:22:29: Okay, wusste ich zum Beispiel nicht.

00:22:31: Ja, das war zum Beispiel so eine Verordnung.

00:22:35: Das wurde auch durchgesetzt.

00:22:37: Vielleicht waren es dann letztendlich die Weihnachtspröme, die beim Verkauf übrig blieben.

00:22:41: Aber es war tatsächlich so.

00:22:45: Und man erzeugt auf diese Art und Weise ein Gemeinschaftsgefühl, was durchaus bei der Bevölkerung ankam.

00:22:55: Und zwar auch bei den Arbeitern, die vorher ... in den zwanzig Jahren gegen die Nationalsozialisten nicht auf die Straße gegangen sind.

00:23:04: Straßenkämpfe sich mit ihnen geliefert haben.

00:23:07: Hat es das hier

00:23:07: in Pösnick auch gegeben?

00:23:08: Die hat es auch in Pösnick gegeben, natürlich.

00:23:12: Also sogar ganz heftig in den Jahren, also in den zwanzig Jahren, also, achtundzwanzig, neunzwanzig, dreißig, da erfolgt die ja auf der einen Seite die Bewaffnung.

00:23:27: der nationalsozialistischen Gruppen, aber es erfolgte ja sogar halboffiziell die Bewaffnung von kommunistischen und sozialdemokratischen Gruppierungen.

00:23:40: Auf KW zum Beispiel, ja.

00:23:42: Also Front, Kämpferbunden und Ähnliches.

00:23:46: Auch von der SPD gab es entsprechende Gruppierungen.

00:23:50: Die Kommunisten waren natürlich dann sehr radikal auch in der Durchsetzung und die sind natürlich aufeinander losgegangen.

00:23:59: In der Zeitung ist in dieser Zeit immer die Rede davon, dass sich bestimmte Gruppenstraßengämpfe geliefert haben.

00:24:10: die einen den anderen aufgelauert haben und sie sich gegenseitig verbrügelt haben und dergleichen mehr.

00:24:17: Ja.

00:24:17: Ich

00:24:17: muss kurz aber nur mal auf das zurückkommen, was Sie gerade gesagt haben, denn für mich, und jetzt können Sie mich naiv nennen, für mich als neunzehnachtensiebzig geborenen Menschen, klingt das, was Sie gerade beschrieben haben, also... wie sozial mit den Menschen hier vor Ort umgegangen worden ist und natürlich im Reich, sage ich jetzt mal, sehr nach DDR-Zeit.

00:24:37: Natürlich mit einer ganz anderen Färbung, aber kann man das ein bisschen miteinander vergleichen, der soziale Umgang?

00:24:45: Das Erstaunliche für mich eigentlich war immer, dass die DDR bestimmte Formen aus dem Dritten Reich übernommen hat.

00:24:55: Was Jugendorganisation betraf, was überhaupt Organisationsstrukturen betraf, da wurde vieles einfach ideologisch ja umgemünzt, aber der gleichen Form weiter praktiziert.

00:25:09: Anders angemalt.

00:25:11: Anders

00:25:11: angemalt.

00:25:12: In der Hoffnung bei den Nationalsozialisten hat es ja funktioniert, warum soll es in der DDR nicht funktionieren?

00:25:18: Das hat nicht funktioniert.

00:25:22: Aber das erstaunliche ist ja, dass so diese Strukturen relativ parallel... Ja neu aufgebaut.

00:25:31: Das ist zum Beispiel so eine Brücke, an die ich immer wieder denke, um nochmal auf das Schlüssel, wo der Rinderungsbrücken zurückzukommen.

00:25:38: Und ein ganz prägnantes Gebäude gewordenes Beispiel haben wir hier in Pösnick stehen.

00:25:43: Nämlich das Hayatheim, das später zum Pionierhaus geworden ist.

00:25:47: Das ist, glaube ich, wenn ich mich richtig erinnere, ist es ein Dreißiger gebaut worden?

00:25:50: Stimmt

00:25:50: das?

00:25:50: Ja, es ist... Ab ab ab, ab ab ab, ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab

00:26:02: ab

00:26:04: ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab ab dass sie sich massenhaft organisiert hatte, in der HJ beispielsweise.

00:26:28: Wobei Bösnek ja durchaus in dieser Tradition eine Vorreiterrolle in Ganz-Jürgen gespielt hat.

00:26:36: Inwiefern?

00:26:37: Dass zum Beispiel in der Jahrzehntreize schon das erste Hitler-Heim, HJ-Heim in Bösnek entstanden ist.

00:26:46: Wo?

00:26:46: Ach, ist hier oben am Teichrasen?

00:26:48: Nein.

00:26:50: Noch ein bisschen weiter hinten in der Wiehwerde.

00:26:54: Also im Gelände der heutigen Wiehwerdeabfall.

00:26:57: Mühl

00:26:58: der Pony, könnte man sagen?

00:26:59: Mühl der Pony, also dort auf diesem Hügelblick Richtung die Langerler Straße.

00:27:06: Dort stand das erste Haar Jotheim, noch so ein Dreißig im Herbst mit.

00:27:12: großen Pump eröffnet, von dieser relativ kleinen Gruppe noch der Nationalsozialisten, die aber gerade in dieser Zeit politisch äußerst aktiv geworden sind in Pösnäck, mit sehr vielen Veranstaltungen, öffentlichen Veranstaltungen, auch dann im Schützenhaus.

00:27:30: Und dann diese Demonstration, wir haben ein Jugendheim, ein Hitlerheim in Pösnäck, das war schon so etwas ganz Breknandes.

00:27:40: Und diese Linie wurde dann mit dem Bau des H.J.

00:27:46: Heims auf dem Galgenberg-Jafortgesetz, wobei es große Schwierigkeiten gegeben hat, erst zwischendurch die entsprechenden Mittel dafür freizumachen.

00:27:57: Aber Pösnek war ja immer auf dem Weg eine Musterstadt.

00:28:03: der Nationalsozialisten sein zu wollen und hatte auch gute Beziehungen nach Weimar, in die Landesregierung.

00:28:12: Fritz Sauckel war ja mehr als normaler Darsteller.

00:28:19: Ja, man hat also auch die Verbindung bis nach Berlin zum Beispiel.

00:28:26: Bezeichnet ist ja, dass z.B.

00:28:28: Göbbels, N.A.S.A.R.

00:28:29: XXV bereits in Pöse gesprochen hat.

00:28:32: Auch das wusste ich nicht.

00:28:34: Es gab dieses Gerücht, dass aber inzwischen wiederlegt ist, dass Adolf Hitler persönlich mal da gewesen sein soll und das auch wieder rein einzubauen.

00:28:42: Hitler sollte N.A.S.A.R.

00:28:43: XXV kommen, war vorher aber, ich glaube, in Plauen.

00:28:48: und ließ sich dann entschuldigen, dass seine Stimme nicht mehr gut wäre und er also nicht nach Bösnäckheim und hat er für den Göbbels geschickt.

00:29:00: Und der hat natürlich die entsprechende Rede hier im Bösnäckerschützenhaus vor ja einem vollem Saal gehalten und ja schon Anspruch.

00:29:15: formuliert und durchaus Anklang gefunden.

00:29:18: Ja.

00:29:20: Das bringt mich, also wenn Sie das so sagen, dass Pösnek immer so ein bisschen das Vorhaben hatte, die Vorzeigestatt oder eine nationalsozialistische Vorzeigestatt zu sein.

00:29:28: Wie war denn Pösnek in die Strukturen des Nationalsozialismus konkret eingebunden?

00:29:35: Eigentlich von Anfang an hatte man das große Bestreben mitmischen zu wollen.

00:29:44: Ja.

00:29:44: Das ging ja los beispielsweise in der Jahr neunzehnteinzwanzig mit dem Hitler-Putsch in München.

00:29:51: Es hat mich wirklich bei den Recherchen sehr überrascht in der Zeitung dann in den dreißigern Jahren zu lesen, dass neunzehnteinzwanzig eine Gruppe von Pösseckern, ungefähr so zwanzig Mann, losmarschiert sind, um in München an dem Hitler-Putsch.

00:30:09: Teil nehmen zu können.

00:30:10: Auch das wusste ich nicht.

00:30:13: Sie sind in Richtung Coburg marschiert, sind dann letztendlich auch in Coburg stecken geblieben.

00:30:19: Aber das Ziel war eigentlich Hitler.

00:30:23: beim Putsch in München zu unterstützen.

00:30:26: Wobei der Begriff des Putsches ja damals nicht gelaufen ist, aber ein Umschurz wollte man herbeiführen.

00:30:34: Und zwar im Herbst, den

00:30:36: Hitler dann im Endeffekt auch.

00:30:38: Und

00:30:38: den hat er dann auch gemacht.

00:30:41: Und diese Gruppe, die schlug sich da also in Richtung Coburg durch die Gegend durch.

00:30:50: Heimlich über Nacht sind die losmarschiert und als sie in Koburg dann angekommen waren, da war in München die Sache schon geholfen.

00:30:58: Ja, zu spät gekommen.

00:31:00: Aber es gab ja dann durchaus auch führende Leute, die an diesen Buttsch in München teilgenommen hatten, die also auch mit den Blutorten ausgezeichnet wurden.

00:31:13: Jetzt muss ich ganz kurz umschwenken, denn wir haben ja nur eine Stunde Zeit und ich versuche ja um tausend Themen irgendwie zu vereinen.

00:31:21: Weil es mich persönlich interessiert, was daran liegt, dass meine Oma bei David Binder gelernt hat.

00:31:26: Es gibt im Pösnäck das sogenannte Binderhaus.

00:31:28: Es ist am Anfang der breiten Straße.

00:31:30: Es war ein großes Kaufhaus von einer jüdischen Familie betrieben.

00:31:35: Oder beziehungsweise David Binder war der Chef.

00:31:39: Wie ist es denn in Pösnäck gewesen?

00:31:41: Ab dreiunddreißig, würde ich mal sagen.

00:31:43: Also gab es Repressionen seitens der Pösnäger Bevölkerung gegen David Binder, gegen die Familie, gegen das Kaufhaus.

00:31:51: Wir wissen aber, wir kennen alle den Spruch Deutsche Kauf, nicht bei Juden.

00:31:53: Wie war da der Zusammenhang?

00:31:56: Also unmittelbar nach'n Dreißig war man in Bösnek durchaus nicht judenfeindlich eingestellt, also nicht öffentlich zumindest.

00:32:10: Es gab immer diese Ja, Judenfeindlichkeit, die generell in der Bevölkerung, in der Meinung der Bevölkerung, präsent war.

00:32:22: Die dann von den Nationalsozialisten in Pösnek beispielsweise auch recht gut ausgenutzt worden ist, weil es nur so, dass es etwa vom Ausland her Bestrebungen gab.

00:32:42: Insbesondere also vonseiten jüdischer Unternehmen, die deutsche Wirtschaft zu bulkortieren.

00:32:50: Es gibt also, ich habe das auch in diesen Sonderhaft dargestellt, Berichte der Pösnäckern Unternehmen, die sich beklagten, dass ihre Geschäftspartner zum Beispiel in Belgien oder Ähnliches die Handelsbeziehung zu den Betrieben hier aufgrund der Tatsache, dass ja die deutsche Reichsregierung judenfeindlich wehreinstellen würden.

00:33:20: Und da sind also Berichte dann in den Umlauf gekommen, wie jüdische Vereinigung, die jüdische Presse in Amerika, in Kanada, in Belgien und dergleichen gegen Deutschland zu Felte gezogen sei.

00:33:39: Das kursierte hier.

00:33:41: Und das wurde natürlich ausgenutzt, um eine generelle, an die jüdische Stimmung in der Bevölkerung zu etablieren, ohne dass es direkt zu Aktionen gekommen ist.

00:33:53: Diese Aktionen, die fanden dann tatsächlich erst, ah, thirty-eight statt und ähnlich wie im ganzen deutschen Reich natürlich mit diesen gewalttätigen Vorgehen gegen jüdische Geschäfte.

00:34:09: Und das Geschäft von David Binder, das war eben nun mal das größte Kaufhaus hier in Pösnek, das einem Juden gehörte.

00:34:20: Und vor diesem Kaufladen, da spielte sich natürlich dann auch einiges ab, dass man diese Familie Binder dann auf die Straße gezerrt hat.

00:34:33: Ja, auch misshandelt hat.

00:34:36: Es gibt Augenzeugen berichtet darüber, die das sehr eindeutig und nachdrücklich schildern.

00:34:46: Ja, meine Oma hat zum Beispiel den Satz ausgesprochen, dass die Frau Binder, es muss zweiundvierzig gewesen sein, vielleicht war es auch dreiundvierzig, bei ihr zu Hause saß in der Wohlstube und sagte, Helene, ich muss da ja nun morgen hin.

00:35:00: Ich darf ja nur, ich weiß glaube ich, fünf Kilo von uns oder so mitnehmen.

00:35:04: Was soll ich dem mitnehmen, meinen Kopf kissen?

00:35:06: Also es ist so ein Satz, der ziemlich verdeutlicht, was das auch in der Psyche eines Menschen oder mit der Psyche eines Menschen macht.

00:35:14: Davon haben wir auch jetzt mal abgesehen, gab es oder wissen Sie von anderen, ich sage jetzt mal NS, Unrecht, das hier in Pösnek stattgefunden hat?

00:35:22: Naja, es war eigentlich auf der gesamten Linie.

00:35:26: Es ging ja... schon Anfang der dreißigere Jahre los, dass in dem Bösnecke-Unternehmen ja auch hochrangige Angestellte die Juden fahren, dann ihre Stelle verloren oder einfach ausgemustert hinausgedrängt wurden.

00:35:53: Das war zum Beispiel Verlag der Pösnecker Zeitung, dem Schadling Verlag mit dem Adolf Mayer so.

00:36:01: Ja.

00:36:02: Der war ja Geschäftsführer und ja, wurde dann kaltgestellt und dann letztendlich aus dem Betrieb ausgeschlossen.

00:36:13: Ja, entfernt quasi, könnte man sagen.

00:36:16: Ja.

00:36:17: Das war Das Entfernen von jüdischen Schülern oder auch Halbjuden, z.B.

00:36:25: von dem Bösecker Gymnasium.

00:36:28: Der Schulleiter, der Direktor Dr.

00:36:33: Bischoff, der war dann sehr stolz, dass er vermelden konnte.

00:36:38: Ich glaube, es war, das ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist nur dort, ist.

00:36:53: Es gab andere Beispiele, dass Juden in ihren Geschäftsbeziehungen beeinträchtigt worden sind.

00:36:58: Das ist relativ gut dokumentiert.

00:37:01: Da Philipp Glesing hat das im Börseck ja oft genug dokumentiert, gut recherchiert auch.

00:37:11: Es gibt also darüber immer wieder... solche Zeugnisse.

00:37:15: Ja.

00:37:15: Die Familie Jean zum Beispiel auch und ähnliches.

00:37:19: Ich weiß gar nicht, ob es die Broschüre noch zu haben gibt.

00:37:22: Ich weiß, die war mal im Stadtmuseum Jüdisches Leben in Pösnäck von Philipp Glesy.

00:37:26: Es gibt die glaube ich noch.

00:37:27: Genau.

00:37:29: Wie sah denn das zum Beispiel aber auch jetzt mal von den Schicksalen jüdischer Menschen weggehend hin zu Zwangsarbeitern zum Beispiel aus?

00:37:38: Gab es in Pösnäck Zwangsarbeiter?

00:37:40: Es gab in Bösnäckern eine Menge Zwangsarbeiter.

00:37:47: Das Problem ist ja, es gibt kaum Unterlagen dazu.

00:37:51: Ja.

00:37:52: Denn es gab ja im Jahr nineteen-fünfundvierzig, dem Befehl, dass alle G-Akten vernichtet werden mussten.

00:38:00: Das war im März vünfundvierzig.

00:38:04: Ja, da gibt es zumindest in Bösnäckern Stadtarchiv einen Aktenutiz dazu.

00:38:09: Und ich habe inzwischen aus anderen Scherchen gefunden, dass also diese Umsetzung dieses Befehls, also generell in den Ortschaften hier vollzogen worden ist, sodass also alles das, was Polizei, bestimmte Akten von Zwangsmaßnahmen so weiter betrifft, nicht existieren.

00:38:33: Wir können also manches einfach nur aus Verwaltungsakten herausnehmen, was alles hier gewesen ist.

00:38:42: Und das ist nicht so unwahrscheinlich viel.

00:38:45: Ja.

00:38:45: Und wir haben also kaum aufzeichnet darüber, wer hierhergekommen ist bzw.

00:38:57: wie die behandelt wurden.

00:38:59: Es gibt einzelne Zeugnisse.

00:39:02: Beispiel habe ich zum Beispiel mal aus der Zeitung.

00:39:06: als die ersten russischen Zwangsarbeiter hierher kamen und durch die Stadt getrieben worden sind.

00:39:12: Oder durchmarschieren mussten, aber das war schon ein Durchtreiben, wie die deklariert worden sind mit Untermenschen.

00:39:22: Also ganz fürchterlich.

00:39:27: Wir wissen zum Beispiel aus den Unterlagen nach Fünfundvierzig, dass zum Beispiel der Bürgermeister Bochard davon sprach im Sommer, dass die Rückführung aller Zwangsarbeiter etwa drei Tausend

00:39:48: in drei

00:39:48: Tausend Erfolg sei, bis auf wenige Ausnahmen.

00:39:53: Und das ist eine Zahl, die findet man sonst nörgens.

00:39:58: Es muss ja auch eine Unterkunft gegeben haben, denn ich habe im Zuge in irgendeinem Artikel, und es ist auch schon eine Weile her, der geschrieben war über die pösnäger bombennächtig glaube vom achten bis zehnten april fünfundvierzig dass da beinahe eine unterkunft von zwangsarbeitern getroffen worden.

00:40:16: die

00:40:16: ist getroffen worden die ist getroffen

00:40:17: worden.

00:40:18: es gab also vier tote im lutschken lager also auf dem landesgartenschau.

00:40:25: gelände war das ja und Das war eigentlich das schlimmste Lager, glaube ich, was hier in Pösnek existierte, neben den Unterkünften der Russen.

00:40:35: Das muss man sagen, die noch mehr gefängnisartig ausgesehen haben.

00:40:44: Es gab also auch in Pösnek Lager für Zwangsarbeiter.

00:40:48: Es gab eine ganze Reihe von Lager und Unterkünften für Zwangsarbeiter, wobei man sehr Ja, deutlich differenzierte zwischen Zwangsarbeitern, ja, aus dem Westen, Franzosen, Engländer und dergleichen und denen, die aus dem Osten kamen, also Polen, Scheschen, Russen.

00:41:17: und ja,

00:41:19: dergleichen mehr,

00:41:20: dergleichen mehr, die also deutlich andere Bedingungen hatten,

00:41:25: während

00:41:26: zum Beispiel dann den Franzosen relativ schnell auch erlaubt wurden sich frei in der Stadt zu bewegen, waren die anderen meistens sehr stark interniert.

00:41:38: Ja, das wusste ich zum Beispiel auch nicht, dass es das gegeben hat.

00:41:42: Ja, also die westlichen Zwangsarbeiter oder ja doch Zwangsarbeiter müssen wir es schon nennen.

00:41:52: Waren z.B.

00:41:53: in der Rosenbräuhe beschäftigt, es war bei Bergner und Weißer, waren sie beschäftigt.

00:42:00: Die waren relativ gut untergebracht, die wurden relativ gut versorgt.

00:42:06: Während eben z.B.

00:42:08: die Engländer, ihr Lager in Schlittwein, räumen mussten dann und sind dann umgesiedelt worden in den Felsenkeller und in andere Gaststätten.

00:42:22: Auch die Städte zur Warte beispielsweise war, so eine Unterkunft.

00:42:28: Ja, und dann ist dieses Lager Felsenkeller in Schleitwein.

00:42:38: Ist umgerüstet worden.

00:42:39: Das ist das Bergschlösschen.

00:42:40: Bergschlösschen, jetzt haben wir es.

00:42:43: Ist dann umgerüstet, es wurden zum Russenlager und da wurde also ein riesen Stacheldraht-Zauern drum gebaut und die Außentoiletten und da durfte keiner mehr rein, also äußerst strenge Bewachung.

00:42:57: Also es ist alleine aus den Verwaltungsakten, die ja nur die Baumaßnahmen zum Ausdruck bringen, erkennbar, wie Unterschiede gemacht wurden, sind.

00:43:10: Und die Paracken dann zum Beispiel im Lutschen, die also dann auch durch die Bomben getroffen worden sind, also die waren ganz primitiv gebaut.

00:43:21: Ja, da gibt es eben Akten, die zeigen, dass dort die Heizung nicht funktioniert, dass es durchgeregnet hat, dass es nicht genügend Decken gegeben hat, dass die gefroren haben.

00:43:36: Also die hygienischen Bedingungen waren ganz, ganz übel.

00:43:42: Gibt es Berichte, wie die Bevölkerung auf diese Menschen reagiert hat?

00:43:46: Eigentlich nicht.

00:43:48: Ich habe aber was anderes noch, das hatte ich nämlich im Mehrfach, oder wir hatten vorhin den Namen schon mal erwähnt, das ist der Punkt der Gauleiter Sauckel, Fritz Sauckel, der auch gerne ja ein Kommunistischen oder... sagen wir mal antifaschistischen Kreisen, Sauleiter Gauckel genannt wurde.

00:44:01: Ich habe mal ehrenamtlich als das Stadtarchiv umgezogen ist, eine Etage oder zwei Etagen weiter hoch, habe ich Fotos gesehen, wie zum Beispiel eine große Parade in der breiten Straße stattgefunden hat und Fritz Saugel dann glaube ich vom Rathaus spricht.

00:44:15: Sie haben erwähnt, dass er x mal da gewesen ist.

00:44:17: Gibt es dafür einen besonderen Grund, dass er hier gewesen ist so oft?

00:44:22: Ja, einmal hat er natürlich zu bestimmten Höhepunkten ja hier immer so den Insiatur gespielt.

00:44:35: Also beispielsweise... Nicht nur Saugel, sondern eben auch andere waren da bei der Eröffnung des Arbeitsdienstlagers, bei der Installation des Arbeitsdienstes zur Orla-Regulierung zum Beispiel.

00:44:52: Oder dann gab es ja diese Stiftung, diese Saugelstiftung.

00:44:58: mit dem Bau von Häusern für Nationalsozialisten oder kinderreiche Nationalsozialisten, als das erste Haus an Deichrassen gebaut worden ist, da war natürlich auch jemand präsent.

00:45:11: Ja.

00:45:12: Und das waren immer solche Höhepunkte, wo er sich in der Öffentlichkeit hier präsentieren konnte, etwas für uns Zeichen Gutes.

00:45:22: der Bevölkerung vorweisen konnte und sich natürlich feiern lassen konnte.

00:45:27: Und natürlich auch propagandistisch dann im Schützenhaus präsent war.

00:45:33: Ja.

00:45:35: Aber auch in den Betrieben zum Beispiel.

00:45:39: Gab es Formen des Widerstandes in Pösnick?

00:45:44: Ist da was bekannt?

00:45:47: Wenig.

00:45:48: Wenig.

00:45:48: Wenig.

00:45:50: Also es war ja so, dass mit der Machtübernahme Nösser-Dreien-Dreißig erstmal im Prinzip sämtliche Funktionäre erst der KPD.

00:46:04: aber dann auch sehr viele Funktionäre der SPD ja in Kitesetz oder ins Gefängnis gekommen sind.

00:46:12: Die waren erst mal von der Bildfläche verschwunden und sind entlassen worden, indem sie eine Erklärung unterzeichnet haben, dass sie sich in Zukunft wohlverhalten wollen, dass ihre bisherige Sendung ablegen und ja umschwenken wollten.

00:46:31: und auch eine ganze Reihe von kommunistischen Funktionären haben diese Erklärung ja, man kann auch sagen gezwungenerweise unterzeichnet und sind dann freigekommend.

00:46:44: Es gab mit Sicherheit über Jahre ja schon eine verdeckte Arbeit auch.

00:46:54: von kommunistischen Zellen hier in Pürsnek, die es aber eigentlich nicht wirksam gewesen.

00:47:00: Und dann am Ende wahrscheinlich auch eingeschrafen, wobei man zu bestimmten Gelegenheiten ja auch immer wieder die Kommunisten in Vorbeuge haft genommen hat und dann ja letztendlich sogar wie sonst KZ gebracht hat, ohne Anlass, nur damit sie eben hier weg waren.

00:47:18: Zum Beispiel rund um den ersten Mai kann ich mir jetzt vorstellen, zum Beispiel.

00:47:23: Nach dem ersten Mai, der Maid, da sind ja zum Beispiel eine ganze Reihe von Gewerkschaftern inhaftiert worden, der Albert Richter beispielsweise, Schmiedl und andere, die erst mal als Gewerkschafter von der Bildfläche verschwunden sind.

00:47:46: Erstaunlicherweise war das ja bereits am neunten Mai, als der Bürgermeister Dubhorn dann seine neuen Gewerkschafter hier präsentiert hat.

00:47:57: Also er hat ja sämtliche Gewerkschafter, die aus den dreißig Jahren hier ja die verschiedenen Betriebsgewerkschaften geführt haben, ja sofort einsperren lassen.

00:48:12: und Nicht er hat sie, aber sie sind eingesperrt worden.

00:48:17: Und dann sind eben die Stellen durch Nationalsozialisten besetzt worden.

00:48:24: Wobei eben zum Beispiel Duporn selber die Führung des Textilarbeiterverbands übernommen hat.

00:48:30: Okay.

00:48:32: Austausch.

00:48:32: Wunderbar.

00:48:33: Wissen Sie etwas darüber, dass eine Frau aus Kolpa Zumindest Kontakte zur Weisen Rose hatte, also zu Geschwister Scholl und ähnlichen Menschen.

00:48:45: Es war nicht eine Frau aus Kölpers, es war eine Frau aus Pösnek.

00:48:48: Es war

00:48:48: eine Frau aus Pösnek?

00:48:49: Ja, sie hat nur später in Kölpers gewohnt.

00:48:51: Das war die Gisela Schadling.

00:48:54: Wissen Sie dann näheres dazu?

00:48:55: Ja, ich habe über die Gisela Schadling auch mal geschrieben, also recht ausführlich sogar.

00:49:02: Sie war ja im Prinzip die letzte geliebte Verneins Scholl.

00:49:07: Und ja, manche sagen auch, so war die Verlobte von Hans Scholl.

00:49:12: Und hat in diesem Zusammenhang natürlich einen unwahrscheinlich engen Kontakt, sowohl natürlich mit dem Hans Scholl, aber auch mit der Sophie Scholl gehabt.

00:49:29: eigentlich zu dieser Gruppe überhaupt nicht gepasst, denn sie stammte ja aus einer nationalsozialistischen Familie, Familie Schertling, herausgeberter Pürsnek-Erzeitung.

00:49:42: Die Pürsnek-Erzeitung war von den eigentlichen Sprachrohren der Nationalsozialisten in Pürsnek, wobei der Verlag ja durch zwei Brüder geführt worden ist durch den Paul Schertling.

00:49:58: Das war der Vater von der Gisela und dem Rudolf Schertling.

00:50:02: Das war der Verlagschef, der sich fürs grobe eigentlich mehr stark gemacht hat.

00:50:11: Und ja, sie stammte also aus einer Familie, die sich der Paul Schertling war, nicht unbedingt Nationalsozialist, sondern mehr so ein Schöngeist, die sich aber sehr wohl verhalten haben.

00:50:28: Und die Scholz wussten natürlich über diese Herkunft Bescheid und haben sie auch von vornherein nicht in ihre Arbeit einbezogen.

00:50:38: Sie hat aber natürlich durch die Nähe immer sehr viel mitbekommen.

00:50:43: Und letztendlich ... hat sie auch auf so viel Scholl geholfen, solche Briefe, die sie versandt haben, mit diesen Flugschriften in die Briefgäste zu stecken.

00:50:55: Hat ihr Briefmarken gegeben und so weiter.

00:50:57: Sie wusste, wo für diese Briefe bestimmt waren.

00:51:01: Ja.

00:51:02: Und letztendlich hat sie eben auch die Verhaftung von Hans Scholl direkt mitbekommen.

00:51:08: Und ja, war natürlich total ... ... verstört.

00:51:13: Ja.

00:51:14: War sie selbst Represalien ausgesetzt?

00:51:16: Sie ist

00:51:17: selber in einem Hochfahrtsprozess verurteilt worden und war auch im Gefängnis.

00:51:22: Okay.

00:51:23: In Sternheim.

00:51:25: Wo kann ich denn den Text nachlesen?

00:51:27: In der Pösnäger Heimatplätze.

00:51:28: In der

00:51:28: Pösnäger Heimatplätze.

00:51:29: Ich muss mich noch mal kundig machen, auf jeden Fall.

00:51:31: Das ist nämlich hochinteressant.

00:51:32: Was auch hochinteressant ist, das ist das, was wir vorhin ja auch schon mal angesprochen hatten oder was ich schon mal angesprochen hatte, die drei Tage, achter bis zehnte April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April,

00:51:48: April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, Es ist ja auch Schleiz beispielsweise, ganz intensiv bombardiert worden.

00:51:56: Und ja, es ist ja fast ein bisschen ein witzter Weltgeschichte, dass Pösnek eigentlich nie Vorrangiges zielt.

00:52:06: Das wäre nämlich meine nächste Frage gewesen.

00:52:08: Ich hörte von drei über Angefixten würde man heute sagen, Hayat Jung, die zur Flak auf die Höllenberg gerannt sind.

00:52:19: Aber erzählen Sie mal die Geschichte.

00:52:20: Wie genau kam es dazu?

00:52:22: Es war ja eigentlich bald in diesem Bombenangriff am achten April so, dass ein Bomberverband den Auftrag hatte, München-Bernstorff Treibstofflager zu bombardieren.

00:52:38: Nachdem die erste Ladung Bomben abgesetzt hatten, war dann so viel Rauch und Nebel in der Luft, dass sie einen zweiten Angriff auf München-Bernstorff nicht gestartet haben, sondern dann ihr zweitziel Schleiz angeflogen sind.

00:53:00: Es fand also dann die Bomberierung von Schleiz statt.

00:53:04: Und bei diesem zweiten Anflug haben sich sieben Flugzeuge verflogen.

00:53:12: Und es sind hier über Pösnek aufgetaucht.

00:53:20: Man kann das ja nicht nachvollziehen, ob sie tatsächlich die Absicht oder den Auftrag hatten, hier Bomben zu werfen.

00:53:27: Jedenfalls sind sie von einem Maschinengewehr aus.

00:53:31: wahrscheinlich vom Viehmarkt aus beschossen wurden.

00:53:35: Und dann erfolgte die Pompadierung von Pilsenek.

00:53:38: Also

00:53:38: ist es nun gerücht mit den drei Hayat-Jungs und der Flack auf dem Galgenberg?

00:53:43: Das ist nicht

00:53:45: richtig.

00:53:46: Aber nachweisbar ist, dass an diesem Tag eine Übung des Landsturms stattgefunden hat.

00:53:58: dass sie dann heimgekommen sind und dass sie also vom Bad am Wald und als sie dann unterwegs waren, da kamen diese Flieger und dann gab es dieses Maschinengewehrfeuer und die Bomben.

00:54:10: Ja.

00:54:11: Achtundfünfzig Menschen, glaube ich, sind gestorben während der Bombenmangriffe hier im Pösen.

00:54:16: Also

00:54:16: das ist die offizielle Zahl.

00:54:19: Die Zahl ist ein bisschen fragwürdig.

00:54:21: Inwiefern?

00:54:23: Dass dort Namen auf?

00:54:28: Nein, dass in den Zeitzeugenberichten auch Namen genannt werden, die umgekommen sein sollen.

00:54:38: In den Bomben Drichtern beispielsweise, am jetzigen Busbahnhof, an der Kerberstraße, zerfetzt worden sein sollen.

00:54:46: Da gibt es Augenzeugenberichte.

00:54:49: Die Namen pauchen aber dort in dieser Liste nicht auf.

00:54:51: Was meinen Sie, woran das liegen könnte?

00:54:55: Ich kann es nicht verifizieren.

00:55:01: Die Zeitumstände würde ich ganz einfach sagen.

00:55:04: Von einigen hat man eben auch vielleicht keine Überreste gefunden, die es in so einem Bombentricht hat dann tatsächlich ihr Leben verloren haben.

00:55:14: Es war also auf alle Fälle so.

00:55:18: dass also auch bei diesem Eingriff, zum Beispiel am Galkenberg, Namen genannt werden, die dort in der Liste nicht auftauchen.

00:55:26: Ja, ja, ja.

00:55:27: Und die Achtendfünfzig ist die offizielle Zahl.

00:55:31: Es könnten aber auch mehr gewesen sein.

00:55:35: Die meisten sind auf dem oberen Friedhof bekraben oder beerdigt

00:55:39: wurden?

00:55:39: Ja, das sind die Sechsendreißig davon.

00:55:42: Sechsendreißig sind in dem Wassenkrab dann beigesetzt.

00:55:44: Genau.

00:55:46: Können Sie sagen, wie die Tage ... im April, Mai, also die Tage der Befreiung hier ausgesehen haben in Pösnick?

00:55:59: Das ist relativ gut dokumentiert durch die Niederschriften von Karl Freys, dem damaligen Beugermeister, der sich offensichtlich durch diese Niederschriften aber auch ein bisschen absichern wollten.

00:56:21: Und er hat natürlich nur das reingeschrieben, was unverfänglich gewesen ist.

00:56:27: Es ist aber trotzdem eine Grundlage.

00:56:30: Wir müssen ja immerhin davon ausgehen, dass er als Bürgermeister, als Verantwortlicher, dann auch für die Verteidigung der Stadt.

00:56:41: sehr vorsichtig agieren musste in allen Handlungen.

00:56:45: Es kursierte ja beispielsweise in der Pürsäger Bevölkerung schon vor dem einrückende Amerikaner, dass Fräs sich mit dem Gedankendrüge die Stadt Kampfluss zu übergeben.

00:57:00: Da gab es aber auch ein Erschießungskommando der SS, die gegen gerade dieses sogenannten Landesverräter, ja, in dieser Zeit knadenlos vorgegangen sind.

00:57:13: Ja.

00:57:14: Wäre irgendein Anzeichen gewesen, dass Fräs diese Absicht gehabt hätte?

00:57:19: Wäre er weg gewesen.

00:57:20: Dann wäre er weg gewesen.

00:57:22: Also es gibt relativ gute Dokumentationen, wie gesagt, in diesen Akten, Aufzeichnung von Fräs.

00:57:30: Und es gibt dieses Tagebuch von Metzler.

00:57:34: der ja die letzten Kriegstage sehr gut beschrieben hat, wo auch manchmal so ein Gerücht mit erwähnt ist, sodass man sich ein relativ gutes Bild machen kann.

00:57:46: Ganz im Dunkeln bleibt eigentlich das Handeln der Wehrmacht selbst.

00:57:51: Ja,

00:57:52: die sich angeblich

00:57:53: Richtung Bodelwitz zurückgezogen haben, so habe ich es zumindest gelesen.

00:57:55: Ja, das ist aber dann immer durch Zeitzeugen, es gibt keine Berichte darüber.

00:58:03: Man weiß darüber eigentlich so gut wie gar nichts.

00:58:12: Fakt ist, dass Pösnek natürlich nicht unmittelbares Kampfgebiet, aber Kampfnahesgebiet gewesen ist.

00:58:20: Also bis in die Kriepse hinein, da gab es ja richtige Gefechte.

00:58:26: Also zumindest Maschinengewehrfeuer von dort aus auf die Stadt.

00:58:31: Das eigentliche Schlachtfeld war ja dann mehr auf der Höhe in Polschen.

00:58:35: Ja, ja.

00:58:36: Können Sie da genauer dazu sagen, was da wie vorgegangen ist?

00:58:41: Ja, relativ ja.

00:58:44: Ich habe erstaunlicherweise in den amerikanischen Schilderungen von Kriegs- Veteranen, aber auch Kriegsberichten, die dort dokumentiert sind, dieses sogenannte Schlacht bei Polschen gefunden.

00:59:01: Es war also im Prinzip der Versuch des aufhaltendste Amerikaner durch eine Wehrmachtseinheit, eine SS-Einheit, die in Päuschen stationiert wurden, waren um den Zwölften April herum, war die SS-Einheit möglicherweise im Zusammenhang auch mit dem Sprengen der Linkenwilbrücke.

00:59:22: Könnte zumindest im Zusammenhang gestanden haben.

00:59:27: Und die hatten sich in Polschen die SS im Oberdorf, die Wehrmacht im Unterdorf verschanzt.

00:59:34: Und als die Amerikaner dann von Saalfeld kommt, über die hohe Straße Schmurda nach Polschen zuführen, dann eröffneten eben die Truppen hier in Polschen das Feuer.

00:59:48: Und das führte dazu, dass in Polschen also dann tatsächlich so richtige Der habe Geschäfte stattgefunden haben.

00:59:58: Wusste ich auch noch nicht.

01:00:00: Es sind also mehrere Häuser, Scheunen und so weiter in Flammen aufgegangen.

01:00:07: Da ich selbst in Polschen aufgewachsen bin, kenne ich die Geschichte also relativ genau.

01:00:15: Auch, wie ich als Kleinkind im Keller mitgehockt habe.

01:00:24: Decken auf den Kartoffeln ausgebreitet waren und Flüchtlinge evakuierte und die ganze Familie da im Keller gehockt hat und das hat vorstellig gekracht.

01:00:35: Sind das persönliche Erinnerungen?

01:00:36: Das

01:00:37: sind meine einzigen, sehr wagen persönlichen Erinnerungen überhaupt an den Krieg.

01:00:44: Wissen Sie noch, wie Sie sich das angefühlt haben, wie Sie sich selbst gefühlt

01:00:48: haben?

01:00:48: Das kann ich nicht sagen.

01:00:49: Ich weiß nur, es gab eben, in meiner Erinnerung ist dieses Bild von diesem Kelleraufenthalt und dieser Angst der Leute und dem Kochen mehr nicht.

01:01:04: Aber es ist ein bleibendes Bild.

01:01:08: Wissen Sie noch, wie alt Sie da waren?

01:01:09: Ja, ich war

01:01:11: knapp drei.

01:01:11: Und das bleibt im Kopf?

01:01:13: Das hat sich irgendwie verinnerlicht.

01:01:16: Das hat sich quasi manifestiert, spricht ja für sich.

01:01:19: Man könnte ja heute vielleicht sogar von einem traumatischen Erlebnis

01:01:21: sprechen.

01:01:22: Ja, so wird sich das nicht.

01:01:24: Es hat sich eingeprägt.

01:01:27: Natürlich ist es dann auch darüber weiter geredet worden und das hat es natürlich auch verfestigt.

01:01:35: Das lässt mich trotzdem ein bisschen sprachlos zurück und ich bin selten sprachlos.

01:01:38: Aber deutlich, ich weiß aus Berichten meiner Oma, wie sie die Bombenächte hier im Pöstling gebracht hat, das war ja ganz ähnlich.

01:01:47: Und sie war, sie war, einundzwanzig, als das gewesen ist.

01:01:53: Ja, die Pöstlager Bevölkerung war ja also wirklich... konsterniert, als die ersten Bomben gefallen sind und total aufgebracht.

01:02:02: Der einen sind geflogen, der anderen sind wieder zurückgekommen und die einen haben sich im Wald versteckt und haben dann festgestellt, dass es auch keine so richtige Deckungen, kein so richtiger Schutz sind, dann wieder in die Keller und in die Schutzräume zurückgekommen.

01:02:18: Also es war ein verheerendes Durcheinander.

01:02:20: Ein Chaos, könnte man genauso sagen.

01:02:23: Wir müssen leider schon zum Schluss kommen.

01:02:25: Die Stunde ist schon längst um.

01:02:26: Ich habe dennoch noch mindestens eine Frage, die ich noch stellen will.

01:02:30: Wir haben vorhin über die Zeit gesprochen, zwanziger Jahre, die frühen dreißiger Jahre bis zur Machtübernahme.

01:02:37: Und vielleicht ist auch das eine naive Frage.

01:02:40: Aber sehen Sie parallelen zwischen der Zeit damals und der heutigen Zeit irgendwo?

01:02:45: Das ist eine sehr schwierige Frage.

01:02:50: Es ist Fakt, dass wirtschaftliche Unsicherheiten, sozial Unsicherheiten immer dazu führt, dass Leute auf Versprechungen reagieren, die ihnen Besserung versprechen und sie erstmal ganz einfach diesen Versprechungen gerne folgen.

01:03:17: Ja.

01:03:19: Egal was dann am Ende herauskommt.

01:03:21: Und die Pürsnecker, die die Nationalsozialisten gewählt haben, haben sie nicht gewählt, weil sie gedacht haben, nun können wir endlich meinen Krieg ziehen.

01:03:34: Sonst haben sie gewählt, weil sie gehofft haben, dass ihnen ein besseres Leben bevorsteht.

01:03:42: Was sich ja erst mal für sechs Jahre zumindest relativ erfüllt hat.

01:03:49: Das Große Erwachen kam ja dann für viele erst mit Beginn des Kriegs.

01:03:55: Und das ganze Leid, was dann gefolgt ist, das hat manchen dann schon zum Umdenken auch angewegt und gezwungen.

01:04:05: Manche auch nicht.

01:04:07: Denn es gab natürlich immer auch welche, die durchaus immer noch überzeugt waren.

01:04:15: Ja, das sehen wir ja heute auch noch genau.

01:04:19: Ganz zum Schluss gibt es Ihrerseits eine Botschaft, die Sie unseren Hörerinnen und Hörern mitgeben wollen oder können, gerade als sagen wir mal historiker, regional historiker.

01:04:31: Botschaften sind immer sehr, sehr schwierig.

01:04:33: Das würde mich also nicht da aus der Deckung wagen wollen und eine Botschaft verkünden.

01:04:42: Eine Botschaft erfährt einen Fall, also alles zu tun, damit kein Krieg wieder auf auf deutschen Boden stattfindet, überhaupt kein Krieg.

01:04:54: Denn das habe ich als Kind in der Nachkriegszeit selber kennengelernt, wie schwierig es ist, aus diesen ganzen Erfahrungen dann zu einem neuen Leben zu kommen.

01:05:07: Das betrifft meine eigene Familie.

01:05:09: Meine Großmutter hatte drei Söhne.

01:05:12: Am Ende des Krieges hatte sie keinen mehr.

01:05:15: Und mein Vater ist gefallen vier Wochen vor meiner Geburt.

01:05:23: Also das sind familiäre Erlebnisse, die mich tief geprägt haben und die mich also schon auch in eine pacifistische Richtung gedrängt haben, ohne pacifist sein zu wollen oder offen zu propagieren.

01:05:40: Aber nie wieder Krieg.

01:05:45: Dem ist nichts hinzuzufügen.

01:05:47: Das schöne Schlusswort.

01:05:49: Ich danke Ihnen, dass Sie da gewesen sind.

01:05:51: Auch bei Ihnen sage ich, ich glaube, wir werden uns wiedersehen.

01:05:54: Ich glaube nicht.

01:05:56: Oh, das spricht es nicht für mich.

01:06:00: Sie vergessen meinen Alter.

01:06:04: Ich danke Ihnen auf jeden Fall und euch fürs Zuhören.

01:06:08: Hört euch auch die anderen Folgen an, die ihr auf der Webseite der Volksdurchschule Sala-Orla-Kreis hören könnt.

01:06:13: Ihr könnt sie aber auch überall dahin, wo es Podcasts gibt.

01:06:15: Ihr könnt mitdiskutieren.

01:06:17: Ihr könnt uns eure Meinung sagen, wie hat euch die Folge gefallen?

01:06:20: Gibt es etwas, das ihr vielleicht hättet fragen wollen, das ich jetzt nicht gefragt habe?

01:06:25: Wie ist eure Meinung dazu?

01:06:26: Könnt ihr uns alles schreiben, folgende E-Mail-Adresse.

01:06:47: Ein Podcast der Volkshochschuleseile Ollerkreis gefördert vom Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur.

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